Das Kriegstagebuch des Alfred H. Fried

Bern, 25. Mai.

Da wird nun plötzlich ein Briefwechsel zwischen dem Reichskanzler und dem General Gebsattel im «Vorwärts» veröffentlicht. Der General hat seinen Brief im Auftrag des Gesamtvorstandes des alldeutschen Verbands am 5. Mai 1915 an den Reichskanzler gerichtet. Er warnt darin vor der Revolution, wenn die politischen Kriegsziele zu eng gesteckt werden. Der Reichskanzler wehrt sich in energischer Sprache gegen die Zuschrift, beklagt den «Mangel an politischer Einsicht» seitens der Alldeutschen, wirft ihnen vor, schon vor dem Krieg die politischen Geschäfte erschwert und jetzt jene Erbitterung geschürt zu haben, mit deren Losbrechen der Briefschreiber nunmehr droht. Am Schluss behält sich der Reichskanzler vor, bei ihm passend erscheinender Gelegenheit den Briefwechsel zu veröffentlichen. Dass er es jetzt tut, könnte also als erfreuliches Zeichen angesehen werden. Freilich kommt diese Ablehnung etwas spät, nachdem man das Übel wachsen liess und sich an seinem Gedeihen erfreute. Wie wenig der Reichskanzler noch vor zwei Jahren die Gefährlichkeit der Alldeutschen erkannt hat, geht aus einer Stelle seines Briefes hervor, worin er es ihnen als ein Verdienst anrechnet, «das der Verband durch ... die Bekämpfung der Völkerverbrüderungs ideologisch sich vor dem Krieg errungen hat.» Völkerverbrüderungsideologie, das sind die pazifistischen Bestrebungen, die vor dem Krieg darauf hinzielten, durch Verständigung von Volk zu Volk jenes Misstrauen zu beseitigen, das die Gefahr des Kriegs hervorrief, das die Völker zwang, sich durch ein Überbieten von Rüstungen zu verbluten. Es sind dies jene Bestrebungen, die den verzweifelten kriegsschwangeren Zustand der zwischenstaatlichen Anarchie durch ein vernunftsgemäßes System der zwischenstaatlichen Ordnung ersetzen wollten. Die geringe Beachtung, die in Deutschland diesen Bestrebungen zuteil wurde, die Gehässigkeit, der sie in den durch das Alldeutschtum aufgewirbelten Volksteilen begegneten, haben in den andern Ländern das Misstrauen gegen Deutschland geschärft, haben jene Atmosphäre geschaffen, die zum Krieg geführt hat. Die Ablehnung des Pazifismus und die sichtbare Unterstützung der Alldeutschen haben zur «Einkreisung» geführt, haben in den jetzt feindlichen Ländern die Elemente des Kriegs gestärkt und dort den Militärs die ausschlaggebende Stellung geschaffen, die diese dort nicht mehr hätten erringen können. Das hat uns den Wahnsinn dieses Kriegs gebracht. Es war ein Verbrechen, mehr als dies — ein Fehler! Und statt eines Einbekenntnisses dieses Fehlers erfahren wir jetzt, dass der Reichskanzler den volksverderbenden Kampf der Alldeutschen gegen den Pazifismus diesen als Verdienst anrechnet! Die Verblendung besteht also noch!— Man wird sagen, dass das Bekenntnis des Reichskanzlers vom 9. November 1916 jene Beurteilung vom 5. Mai 1915 aufhebt. Keineswegs! Wenn der Reichskanzler die Bekämpfung der «Völkerverbrüderungsideologie» vor dem Krieg nicht heute noch als Tugend ansähe, sie nicht auch nach dem Krieg als wohltuend und wichtig erachtete, würde er sich gescheut haben, jenen Brief mit dem himmelschreienden Irrtum zu veröffentlichen. Dass er es doch getan, zeigt nur, wie wenig tiefheit ihm das pazifistische Bekenntnis sitzt, das er abgegeben hat.

War Bethemann - Halloweg nicht der Mann, der sich rühmte, die Verständigung mit England gewollt zu haben. Und nun lobt er selbst jene, die diese «Völkerverbrüderungs-Ideologie» bekämpft hatten! Es lag also nicht bloß an dem «perfiden Albion», wenn diese «Verständigungs»-Versuche zu keinem Ergebnis führten?

Eine nachgelassene Denkschrift des verstorbenen General-Gouverneurs von Belgien, General von Bissing, wird jetzt veröffentlicht. Die alldeutsche Zeitschrift, in der sie erscheint, bezeichnet sie als «ein Dokument schwerwiegendster Art». Dieser Ansicht bin ich auch; doch liegt die Dokumentation für mich in der zutagetretenden Eigenart des militärischen Denkens. In der Einleitung dieser Schrift heißt es u. a.:

«Ich beabsichtige von der heiligen Pflicht zu sprechen, Belgien unserm Einfluss und unsrer Machtsphäre zu erhalten, es für Deutschlands Sicherheit nicht wieder freizugeben. Aber wir müssen uns schon jetzt darüber klar werden, dass ein wiederhergestelltes Belgien, ob es als ein neutrales Land erklärt wird oder nicht, mit Naturgewalt in das Lager unserer Feinde nicht nur hinüberdrängen, sondern von denselben herübergezogen werden wird. Selbst wenn wir an Versöhnungsillusionen festhalten wollten, und durch noch so gute Verträge Garantien schaffen könnten, wird Belgien nach jeder Hinsicht als Aufmarschgebiet und Vorpostenstellung unsrer Feinde aufgebaut und benutzt werden.»

Bissing führt dann die militärisch-strategischen Notwendigkeiten weiter aus, erörtert auch die industriellen und handelspolitischen Vorteile und wendet sich gegen die «Halbheit», Belgien nur als Faustpfand oder als Tauschobjekt zu behandeln. Belgien müsse genommen und behalten werden, wie es ist und künftig auch sein muss, bei Belgien handle es sich tatsächlich nicht nur um Mindestforderungen aus militärischen Gründen, sondern um Zukunftsfragen des deutschen Volks und des deutschen Reichs.

Wenn das nun nicht geschehen kann, werden die Anhänger dieser Ansicht die Regierung verantwortlich machen für den künftigen Nachteil, der aus dem naturgemäß feindlichen Belgien dem deutschen Volk erwachsen wird. Sie werden in ihrer naturgemäß beschränkten militärischen Mentalität niemals zugeben, dass der Fehler bei jenen liegt, die den Plan des Durchmarsches durch Belgien einst gefasst haben, ohne sich um die spätere Sorge zu bekümmern, ob es auch möglich sein wird, dieses Land künftig zu beherrschen. Das Nichthinausdenken über die Situation des Augenblicks, das die militärische Geistesbeschaffenheit kennzeichnet, das ist der Fehler, das trägt die Verantwortung für die künftige Gefahr eines feindlichen Nachbarvolks an der Westflanke des Reichs. Hätten die Militärs politisch zu denken verstanden, dann hätten sie den Plan des Durchmarsches durch Belgien aufgegeben. Sie hätten sich sagen müssen, dass dieser Durchmarsch die übrige Welt zu Gegnern Deutschlands machen und den Krieg zu einem Daseinskampf gestalten wird, in dem Deutschland einer Welt gegenüber nicht obsiegen kann. Nicht die Regierung wird Schuld tragen, wenn es so kommt, wie General Bissing es androht, sondern die Militärs, die in ihrem ungehemmten Draufgängertum nicht bedacht haben, dass es so kommen kann.

Wie aber die militärische Mentalität in ihrer Beschränktheit in das Unheil hineingeführt hat, so vermag sie infolge dieser Geistesbeschaffenheit den Ausweg aus der Klemme nicht zu finden. Es muss ja keineswegs so kommen, wie der General v. Bissing es darstellt. Belgien muss nicht in das Lager unserer Feinde hinübergezogen werden. Wenn wir nämlich zu einem auf Gegenseitigkeit beruhenden, organisierten Frieden kommen, dann werden wir ja keine «Feinde» mehr haben, sondern nur gleichinteressierte Genossen in der großen Genossenschaft zur Friedenssicherung, und Belgien, das so tief verletzte Belgien, wird nicht mehr der Feind unseres Volkes sein, sondern mit uns gemeinsam der Feind eines unrichtigen Systems, das überwunden sein wird. Darum kann nur ein organisierter, nicht ein militärischer Frieden das Heil und die Lösung bringen.