Das Kriegstagebuch des Alfred H. Fried

25. November (Bern).

Das Wort «Friede» taucht jetzt in den Zeitungen überraschend häufig auf. Nicht etwa in der Form, dass man ernstlich davon spricht, sondern eher in der Form einer gewissen Abwehr von Friedenszumutungen. Dabei kann man doch einen Ton entdecken, der vermuten lässt, dass hinter der grimmigen Kriegsentschlossenheit doch etwas wie Kriegsmüdigkeit liegt, die man sich mit aller Kraft bemüht, nicht merken zu lassen.

Dass die Kriegslust abnimmt, wird selbst von deutscher Seite zugegeben. Prof. St. schrieb mir dieser Tage bezeichnend, «man kann in Berlin jetzt allerhand hören». Und selbst Naumann kann nicht umhin, der herrschenden Abspannung Ausdruck zu verleihen. In seinem Kriegstagebuch finde ich unterm 15. November folgende Eintragung:

«Je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird es vielen Leuten, die hohe und heilige Anfangsstimmung festzuhalten. Sie beklagen es selbst, aber die täglichen Reibungen, der Kriegstod lieber Angehöriger, die von irgendwoher drohenden Wirtschaftssorgen, die Länge des Kampfes an der gleichen Stelle und der Vormarsch der Russen an unsre Grenze, das alles zusammen lässt den Krieg als Last erscheinen, als einen Gemütsdruck, von dem man gern frei sein möchte. Es hat keinen Zweck, in Abrede zu stellen, dass es Kriegsseufzer gibt. Aber gerade das ist es, was wir vorher gewusst haben. Wir alle haben uns im Anfang des Augustmonats vorgenommen, auch dann fest zu stehen, wenn die schwereren Tage hereinbrechen sollten. Damals haben wir es versprochen, jetzt wollen wir es halten. Die Anfangsstimmung war nur ein erstes Stimmen der Instrumente, jetzt aber muss jeder seine Melodie taktfest und treu durchführen. Wir gehen dem Busstag und dem Totensonntag entgegen, um den Kleinmut zu überwinden und den Tod nicht zu fürchten, auch wenn er uns vieles nimmt. Der Krieg ist grausam, aber weil er uns aufgezwungen wurde, muss er durchgefochten werden. Es muss.»

Er ist also da, «der Kleinmut», sie sind da, die «Kriegsseufzer». Das ist deshalb so wichtig festzustellen, weil die Zeitungen in ihrer Hurrah-Aufmachung das Bild ganz anders darstellen. Ach ja, die «Anfangsstimmung»! Das ist eben ein durch keine Anschauung, durch keine Vorstellung getrübter Gefühlsvorgang gewesen. So kam es eben nicht nur zur Anfangsstimmung, sondern zu dem Anfang selbst. Wäre eine plastische Vorstellung des Kriegs überall so vorhanden gewesen, wie bei den Pazifisten, die sich durch eingehende Befassung mit dem Problem zu einer Vorstellung durchgerungen haben, so wäre es nie zum Krieg noch zu jener Stimmung gekommen, die Naumann jetzt unter dem Eindrucke der Geschehnisse abflauen sieht.

In Österreich war nie eine grosse und echte Kriegsbegeisterung vorhanden, sie war nur von einer dienstwilligen Presse gut aufgemacht. Dass sie auch dort zu schwinden beginnt, das heisst, dass man ihren Mangel einzusehen beginnt, darf nicht Wunder nehmen. Leute, die von dort kommen, berichten es unumwunden.

Auch in Frankreich scheint die Kriegslust nicht sehr gross zu sein. Dürfte sie auch nie gross gewesen sein; nur der Gedanke, dass es sich um die Existenz des Landes handelt, dürfte eine grosse Stimmung — ähnlich jener in Deutschland — erzeugt haben. Die neue (November)-Nummer vom «Paix par le Droit» enthält eine Verwahrung der beiden hauptsächlichsten Organisationen «La Paix par le Droit» und der «Société de l’Arbitrage entre nations», dass sie nichts zu tun hätten mit den anonymen Aufrufen zugunsten eines baldigen Friedens, der an eine grosse Anzahl französischer Persönlichkeiten versandt wurde. Jene Aufrufe haben den Empfängern dargelegt, dass der Krieg schon genügend Existenzen hingemäht, genügend Ruinen aufgehäuft, genügend Interessen geschädigt habe.

Es scheint also in diesen drei Ländern ein Stimmungswandel vor sich zu gehen, der ja nie offen zugegeben werden wird, und immer nur aus Symptomen ersichtlich ist. ln England, wo der Krieg nicht direkt empfunden wird, dürfte es allein an solchen Stimmen fehlen. Russland kommt nicht in Betracht, weil dort eine öffentliche Meinung nicht besteht, und eine Volksstimmung überhaupt nicht wahrgenommen werden kann.

Nach den zahlreichen Zustimmungen, die mir aus dem Leserkreise der «Friedens-Warte» zugekommen sind, melden sich nun auch die Gegner. In der «Köln. Zeitung» vom 17. November zerfasert der Privatdozent Schönborn in Heidelberg mein «Kriegstagebuch», indem er einzelne Sätze herausreisst und mir auch Dinge deshalb vorwirft, weil ich sie nicht gesagt habe. Ein anderer, der mir gänzlich unbekannte Prof. Dr. Benno Immendörffer aus Wien, veröffentlicht in der Stuttgarter «Süddeutschen Zeitung» (28. Oktober) einen Artikel «Aus dem Tagebuch eines Pazifisten», worin er mich in ziemlich gemeiner Weise der «Gemeingefährlichkeit» zeiht und den Pazifismus mit Schmähungen überhäuft.

Oh, es ist jetzt sehr leicht und verdienstlich, uns Pazifisten zu verunglimpfen. Die Gegenwehr ist uns abgeschnitten. Die Verhüter des Übels und die Freunde des Volkes sind doch wir. Die andern sind seine schlechten Berater. Das kommt noch einmal an die Sonne.

Die ganze Geistesrichtung, die das deutsche Volk jetzt beherrscht, scheint mir nichts andres zu sein, als ein an die unrichtige Stelle verschlagener Idealismus. Die Übertreibung der Vaterlandsliebe, der Nation, des Wehrwesens (wie sie in Chauvinismus, Nationalismus, Militarismus zum Ausdruck kommt) ist gar nichts andres als die Romantik in der Politik, die sich in der Dichtkunst einst so schön ausgemacht hat, und der man schliesslich entwachsen ist. Dass das deutsche Volk heute die Romantik auf politischem Gebiete betreibt, ist sicherlich die Folge edler Regungen, die jedoch als Ergebnis jenen scharfen Konflikt zeitigt, in den sich Deutschland heute zu allen andern Völkern befindet. Es ist nicht der Neid um Deutschlands Grösse, der die Weltgegnerschaft herbeigeführt hat, sondern das Gebaren des mittelalterlichen Ritters im Rüstungspanzer inmitten dieser technisch vervollkommneten Welt, es ist der Zwiespalt zwischen der Welt der internationalen und gegenseitigen Abhängigkeit und der Welt des höchstausgebildeten Staatsegoismus, der zu jenem Kraft- und Machtstandpunkt führte.

Am 4. November führte ich hier einen Artikel an, der mir aus einem Schützengraben bei Arras zuflog. Der Artikel ist gegenwärtig im Satz. Da las ich vorgestern in der «Frankfurter Zeitung» unter den Traueranzeigen, dass der Verfasser, Hauptmann Marschall von Bieberstein, am 11. November gefallen sei. Ich dachte schon, einen neuen Egidy gefunden zu haben.