Das Kriegstagebuch des Alfred H. Fried

Bern, 14. Oktober.

Die ausführlichen Berichte über die Verhandlungen des deutschen Reichstags vom 11. Oktober liegen jetzt vor. Es ist schade, dass die Worte über die Friedensmöglichkeit, die der Abg. Scheidemann gesprochen hat, nicht vom Reichskanzler gesprochen wurden. Wenn er gesagt hätte, die Franzosen können ihr Land und Belgien befreien, ohne einen Mann zu verlieren, wir wollen, dass das, was französisch ist, französisch bleibe, was belgisch ist, belgisch bleibe, dann könnten wir morgen Frieden haben. So sagte diese vernünftigen Worte nur der Führer der sozialdemokratischen Partei, der es sich gefallen lassen musste, dass der konservative v. Heydebrand lebhaft dagegen protestierte. Nach jenem könne von der glatten Aufgabe belgischen und französischen Landes «keine Rede» sein:

«Was wir mit unserem Blut erobert haben, das halten wir fest solange und soweit es nötig ist, um die Zukunft des deutschen Volks zu sichern.»

Solange die Regierung nicht offen erklärt, auf wessen Seite sie steht, ist an eine Beendigung des Kriegs nicht zu denken. Das Blut fliesst, weil eine rückständige, aber noch immer einflussreiche Partei glaubt, für das bereits vergossene Blut Landbesitz eintauschen zu müssen, weil sie der Meinung ist, auf solche Weise gewonnener Landbesitz könne das deutsche Volk in Zukunft sichern.

Die Friedenssehnsucht trat in allen Reden hervor, aber darüber, wie sie gestillt werden solle, konnte die Einigkeit nicht erreicht werden. Im Vordergrund stand die Frage der demokratischen Neuorientierung. Scheidemann und Naumann forderten in beredten Worten die Parlamentarisierung der Regierung, die Beseitigung der unwürdigen Bevormundung des deutschen Volks. Aber dabei wurde die Stoßkraft dieser Forderung abgeschwächt, die Grundlage jeder demokratischen Neuorientierung erschüttert, durch die Versuche, die sowohl Naumann, wie für die Rechtssozialisten David unternahmen, die Geschichte der Urheberschaft dieses Kriegs zu beschönigen. Es kann keine Neuorientierung kommen, es kann keine wahrhafte Demokratie bestehen, solange über diesen Punkt nicht die volle Wahrheit zur Geltung kommt. So lange das Märchen vom Überfall auf Deutschland als Wahrheit verkündet wird, kann die Zukunft sich nicht anders gestalten als die Vergangenheit gestaltet war. So lange muss der extremste Militarismus als berechtigt, eine Vervielfachung des Rüstungsapparats als unbedingt notwendig erscheinen, müssen daher alle Einrichtungen und Parteien an der Herrschaft bleiben, die jede demokratische Neuorientierung völlig ausschliessen. Darum ist Wahrheit in diesem Fall eine Lebensbedingung für die Zukunft, ihr Dienst der höchste Patriotismus.

Naumann geht so weit, den Anlass zum Krieg mit dessen Ursachen zu verwechseln und hält es noch immer für opportun, der Welt klar machen zu wollen, dass ihr zweijähriges gegenseitiges Zerfetzen, ihre fünf Millionen Toten und ihre ungezählten Verstümmelten und Verelendeten nur der ihm vernünftig erscheinenden Rechtfertigung gegen das Vorgehen eines Mordbuben geopfert wurden. Nach ihm ist dieser wahnsinnige Krieg noch immer nichts anderes als die Rache für die Österreich-Ungarn durch die Ermordung des Erzherzogs angetane Ehrenkränkung.

Er weist auf Norman Angell hin, der als Gleichnis angeführt habe, dass England, wenn etwa ein englischer Thronfolger in Afghanistan ermordet worden wäre, einem russischen Vorschlag nicht zugestimmt und ebensowenig auf eine Strafexpedition verzichtet hätte wie Österreich. Dieser Vergleich wird dadurch nicht richtiger, dass es durch einen englischen Pazifisten unterstützt wird. Er ist unsäglich falsch und gefährlich falsch. Welche Verblendung gehört dazu, das fernabliegende Afghanistan mit dem mitten im Hexenkessel der europäischen Politik liegenden Serbien zu verwechseln! Der durch das gegenseitige Misstrauen und durch die gegenseitige Angst gekennzeichnete Zustand Europas, bei dem durch den harmlosesten Erfolg eines Mitglieds der einen Staatengruppe über ein Mitglied der andern Gruppe eine Demütigung und Niederlage der ganzen Gruppe befürchtet wurde, lässt den Vergleich mit Afghanistan nicht zutreffend erscheinen. Einem Europa, das seit neun Jahren dauernd am Rand des Kriegs balancierte, und dem die Vermeidung des Kriegs nur durch äußerste Kraftanstrengung möglich war, durfte man eben eine solche Probe seiner Friedensfestigkeit nicht auferlegen. Hier konnte nur ein Sichbescheiden mit einer weniger eklatanten Genugtuung den Frieden, den Erdteil, seine Generationen auf ein Jahrhundert hinaus retten, und das war wahrlich eine Aufgabe, die einiger Konzessionen wert gewesen wäre. Wer da sagt, dass man dem englischen Vorschlag vom 26. Juli 1914 nicht annehmen konnte, der findet das, was wir gegenwärtig erleben und ertragen, vollständig in Ordnung. Und Naumann legt weiter dar: «Es gab nur einen Weg zum Frieden, nämlich die Einleitung eines direkten russisch-österreichischen Meinungsaustausches. Deutschland ist bis an die Grenze des Möglichen gegangen, auf diesem Weg den Krieg zu vermeiden. Dieser Weg wäre nach menschlicher Wahrscheinlichkeit auch aussichtsreich gewesen, wenn England in Petersburg die selbe Rolle gespielt hätte, wie Deutschland in Wien. Aber, als gerade alles in guter Entwicklung war, erfolgte der verhängnisvolle Schritt der russischen Mobilmachung. Diesen verhängnisvollen Schritt konnte England verhindern, wenn es rechtzeitig das Wort Neutralität für diesen Fall ausgesprochen hätte. Zur Vermeidung der russischen Mobilisierung und damit des Weltkriegs würde genügt haben, wenn der englische Minister des Auswärtigen die selben Worte nach Petersburg hin gesprochen hätte, wie der deutsche Reichskanzler am 30. Juli in Wien sagen liess. Wir weigern uns, in einen Weltbrand hineingerissen zu werden dadurch, dass unsere Verbündeten unseren Rat missachten. England hat dieses rettende Wort nicht gesprochen, sondern im Gegenteil der russischen Regierung die Gewissheit gegeben, dass ihr unter allen Umständen englische Hilfe zur Verfügung stehe. Nur auf englischem Hintergrund konnte Russland zur Mobilmachung schreiten. Also die deutsche Regierung kann in dieser Sache ein gutes Gewissen haben.»

Naumann bietet uns hier eine Darstellung, die sich zur Wirklichkeit verhält wie die biblische Schöpfungsgeschichte zur Schöpfungsgeschichte Darwins. Aber selbst wenn die Darstellung richtig wäre, unterlässt er es, sein Entsetzen über ein internationales Verhältnis auszudrücken, das zu einem solchen Weltuntergang führen musste, weil zu irgendeiner Minute ein Wort nicht gesprochen wurde. Er unterlässt es, zu untersuchen, warum dieses gefährliche Verhältnis nicht rechtzeitig abgeändert wurde, wo es an Einsichtigen in allen Ländern nicht gefehlt hat, die auf die Gefahr hingewiesen hatten und dringend deren Abänderung forderten. Und vollends verliert er kein Wort darüber, wieso man in einem solchen Zustand höchster Gefahr und Unsicherheit sich durchaus auf Lösungen bestimmter Art kaprizieren durfte, von denen man einen Zusammenbruch dieser lockeren Sicherungen des Friedens sehenden Auges befürchten musste.

Nein! So leicht wird man diesen Beschönigungen, die sicher aus edlen Gefühlen entspringen, nicht zustimmen dürfen. Es hängt zuviel ab von der Erkenntnis der Wahrheit, und der Trost, das Geschehene Hesse sich ohnehin nicht mehr ungeschehen machen, ist gefährlich. Ungeschehen lässt sich nichts mehr machen, aber die Wiederherstellung, die Heilung, vor allem das Ende des wahnsinnigen Kriegs hängt davon ab, ob man dessen Ursachen erkennt, und die Schuldfrage richtig beurteilt.

So wie Naumann auch der Sozialist David:

«Die Ereignisse der kritischen zwölf Tage werden nicht häufig genug geschildert. Niemals hat es in diesen Tagen eine Situation gegeben, in der der Krieg unabwendbar gewesen wäre. Zuletzt war das am 30. Juli 1914 der Fall. Infolge einer Nachricht aus London ging damals noch einmal ein grosses Aufatmen durch die Welt. In gemeinsamer Arbeit von Sir Edward Grey und dem Fürsten Lichnowsky war, unter Zustimmung des russischen Botschafters in London, eine Verständigungsformel gefunden worden: ,Wenn der österreichische Vormarsch in Belgrad aufgehalten wird, werden die Mächte prüfen, wie Serbien Österreich zufriedenstellen kann ohne Beeinträchtigung seiner souveränen Rechte und seiner Unabhängigkeit’. Diese Formel entsprang allen berechtigten Wünschen. Sie gestattete Österreich den Sühnefeldzug und gewährte Serbien die Integrität. Die Formel ging von London über Berlin nach Wien. Am gleichen Tag ging ein Telegramm unseres Reichskanzlers nach Wien an unsern Botschafter, in dem auf eine irrtümliche Nachricht unseres Botschafters in Petersburg hin gesagt wurde: ,Die Verweigerung jedes Meinungsaustausches in Petersburg würde ein schwerer Fehler sein. Wir sind bereit, unsere Bundespflicht zu erfüllen, müssen es aber ablehnen, von Österreich-Ungarn durch Nichtbeachtung unserer Ratschläge in einen Weltbrand uns ziehen zu lassen. Die Verständigungsformel wurde von Wien noch am gleichen Tag akzeptiert. In diese Situation hinein kam die Nachricht von der allgemeinen russischen Mobilmachung! Die Schuld Englands liegt nun darin, dass man von London nicht das gleiche Telegramm nach Petersburg geschickt hat, das von Berlin am 30. Juli nach Wien gegangen ist. Man war sich also in Petersburg der Gefolgschaft Englands sicher.»

Auch hier biblische Schöpfungsgeschichte! Dabei eine merkwürdige Fälschung. Der englische Vorschlag, Österreich-Ungarn solle Belgrad und Umgebung besetzen und dann verhandeln, ist nie beantwortet worden. 1) Wiederum wird das fehlende Wort Englands als Schuld des Weltkriegs hingestellt und nicht einmal der Gedanke erörtert, ob sich dieses Wort nicht im Verlauf der von England verlangten Konferenz eingestellt hätte, oder, wenn man diese nicht wollte, vielleicht doch, wenn man dem allgemeinen Drängen auf Verlängerung der Serbien gestellten Frist von 48 Stunden nachgegeben hätte.

1 Anmerkung, hinzugefügt am 4. April 1919.
Mittlerweile ist folgende Depesche des österr.-ungar. Botschafters Graf Szögyenyi in Berlin an das Wiener Ministerium des Äusseren bekannt geworden:
«Streng vertraulich! Unter dem Siegel des tiefesten Geheimnisses, aber als durchaus sicher hat der Staatssekretär (des Auswärtigen Amts) mir mitgeteilt, in allernächster Zeit werde ein englischer Vermittlungsvorschlag zur Kenntnis Eurer Exzellenz gebracht werden. Die deutsche Regierung versichert auf das Bündigste, dass sie sich mit soclhen Vorschlägen in keiner Weise identifiziert, dass sie nur entschieden gegen deren Erwägungen ist und sie uns nur übermitteln wird, um den englischen Wunsch zu erfüllen.»